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Stories
Der Mann hinter den Stoffen des Kulms

Der Mann hinter den Stoffen des Kulms

Von
Fabrizio D’Aloisio

Seit 2013 war Giovanni Rossatti im Kulm Hotel dafür zuständig, dass Stoffe und Polsterungen im besten Licht erschienen. Vierzehn Jahre lang hat er Stühle, Sofas, Vorhänge, Wandtapeten und Teppiche erneuert, gepflegt und erhalten – meist im Verborgenen, doch entscheidend für die Atmosphäre des Hauses. Kurz vor seinem Ruhestand haben wir mit ihm über seine Arbeit gesprochen.

Sie haben 14 Jahre im Kulm gearbeitet. Was bedeutet Ihnen diese Zeit?
Für mich war es der Höhepunkt meiner Laufbahn. Ich bin mein Leben lang Tapezierer gewesen, aber im Kulm zu arbeiten, hebt alles auf ein anderes Level. Ein Fünf-Sterne-Hotel mit so viel Geschichte und Anspruch: Zu wissen, dass Gäste aus aller Welt jeden Tag diese Räume erleben, erfüllt mich mit Stolz. Trotz all ihrer Herausforderungen habe ich diese Arbeit wirklich von Herzen geliebt.

Was gehörte zu Ihrer Arbeit im Kulm?
Sehr vieles. Ich habe Stühle und Sofas erneuert, Wände neu bespannt und Vorhänge sowie Teppiche repariert. In einem Haus mit so vielen Zimmern und Gästen gibt es immer etwas zu tun. Das Schöne an dieser Arbeit ist, dass man das Ergebnis sofort sieht: ein Stuhl, der wieder in voller Pracht dasteht, ein Vorhang, der perfekt fällt, eine Wand, die im neuen Glanz erstrahlt. Und dazu kommt die Freude, mit edlen, hochwertigen Stoffen zu arbeiten. Das war für mich besonders erfüllend.

Wie unterscheiden sich Ihre Aufgaben während der Saison und ausserhalb?
In der Saison sind schnelle Reaktionen gefragt: Gäste tanzen manchmal auf den Stühlen und hinterlassen Spuren, jemand verschüttet Essen oder Wein, Vorhänge können reissen. All das muss sofort behoben werden, ohne dass die Gäste etwas merken. In der Nebensaison ist die Arbeit anders. Dann können grössere Projekte geplant und umgesetzt werden, wie beispielsweise ganze Zimmer neu zu gestalten, Tapeten zu bespannen oder Möbel zu überarbeiten.

«Das Ergebnis sieht man sofort: ein Stuhl, der wieder in voller Pracht dasteht, ein Vorhang, der perfekt fällt, eine Wand, die im neuen Glanz erstrahlt.»

Was war eine Ihrer immer wiederkehrenden Aufgaben?
Die Stühle im Grand Restaurant – es sind rund 400! Ihr roter Stoff ist zum Markenzeichen des Kulms geworden. Seit vielen Jahrzehnten sehen sie so aus und haben ihre Form und Ausstrahlung bewahrt. Oft reicht es, nur das Polster zu erneuern und den Bezug weiterzuverwenden. Manchmal muss jedoch auch der Stoff komplett ersetzt werden. Dafür lassen wir ihn eigens nachproduzieren. So bleibt das Bild des Restaurants unverändert. Es ist eine Arbeit, die nie aufhört, aber zugleich ein schönes Erhaltungsritual ist.

Das Kulm Hotel verfügt über ein riesiges Stoffarchiv.
Ja, das Archiv ist für meine Arbeit von zentraler Bedeutung. Jeder Trakt des Hotels hat seine eigenen Stoffe. Wir haben ein Magazin voller Varianten und Farben, das genau auf jedes Zimmer, jeden Vorhang und jeden Stuhl abgestimmt ist. Ohne dieses Archiv wäre es unmöglich, die Geschichte und Kontinuität des Hauses zu bewahren.

Wie gelingt es, Tradition zu bewahren und gleichzeitig moderne Akzente zu setzen?
Das ist eine feine Balance. Einige Stoffe und Möbel gehören untrennbar zur Identität des Kulms. Gleichzeitig überlegen wir gemeinsam mit der Direktion ständig, wo wir mit neuen Stoffen frische Akzente setzen können, ohne die Seele des Hauses zu verändern. Besonders gefällt mir die Kombination eines alten Möbelstücks mit einem modernen Stoff – dieser Kontrast macht mir grosse Freude und hält das Haus lebendig.

Worauf sind Sie besonders stolz?
Darauf, Teil der über 160-jährigen Geschichte des Kulms in Stoffen und Möbeln zu sein. Es ist für mich ein schönes Gefühl, dass Gäste auf Stühlen sitzen, in Zimmern schlafen oder Vorhänge zur Seite ziehen, ohne zu ahnen, wie viel Arbeit darin steckt. Jeder Raum, den ich erneuert habe, trägt ein Stück meiner Leidenschaft.

«Jeder Raum, den ich erneuert habe, trägt ein Stück meiner Leidenschaft.»

Gibt es Nachwuchs für dieses Handwerk?
Leider kaum. Als ich meine Ausbildung in Samedan machte, waren wir über 30 Lehrlinge. Heute gibt es die Schule dort nicht mehr. Meine Nachfolgerin ist noch jung, in den Dreissigern. Ich hoffe sehr, dass sie lange bleibt und das weiterführt. Solche Arbeiten dürfen nicht verschwinden.

Und nun gehen Sie in Pension…
Ja, ich werde die Arbeit hier sehr vermissen. Jeden Morgen bin ich früh von Brusio im Puschlav nach St. Moritz gefahren, über eine Stunde Fahrt, bei jedem Wetter. Um 7:15 Uhr begann mein Arbeitstag. Dieser lange Weg war letztlich der Grund, warum ich aufhöre. Wäre er kürzer gewesen, hätte ich mir gut vorstellen können, noch einige Jahre weiterzumachen. Aber irgendwann muss man auf den Körper hören.

Welche Pläne haben Sie für die Zeit nach dem Kulm?
In Brusio habe ich noch ein Atelier, in dem ich für Freunde und Bekannte hin und wieder kleinere Aufträge übernehmen werde. Vor allem freue ich mich aber auf mein Zuhause und den grossen Garten. Ich freue mich auch darauf, mehr Zeit mit meiner Enkelin zu verbringen. Und eines ist sicher: Wenn das Kulm einmal Hilfe braucht, komme ich jederzeit gerne zurück. Dieses Haus wird immer ein Teil von mir bleiben.