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Stories
«Das Engadin ist eine lebendige Kulturlandschaft.»

«Das Engadin ist eine lebendige Kulturlandschaft.»

Von
Mathis Neuhaus

Im Engadin verwurzelt, bewegt sich Diana Segantini zwischen Kunst, Kultur und Ort mit einem ausgeprägten Verantwortungsbewusstsein. Im Gespräch mit Mathis Neuhaus spricht sie über die vielen Facetten der Region, das Vermächtnis ihres Urgrossvaters Giovanni Segantini und ihr Verständnis von kultureller Kontinuität im Engadin.

Mathis Neuhaus: Was bedeutet für Sie Engagement und Verantwortung für Kultur im Kontext des Engadins?
Diana Segantini: Kultur braucht immer wieder Orte, die bereit sind, Verantwortung zu übernehmen. Nicht jede Institution muss dies in jedem Moment tun. Aber jene, die über entsprechende Mittel verfügen, haben die Möglichkeit, besondere Projekte in die Welt zu bringen. Entscheidend ist dabei nicht allein das Budget. Es geht um Vision, Neugier und ein Verständnis dafür, was Kultur für einen Ort bedeuten kann.

Im Engadin hat dieses Verantwortungsbewusstsein eine lange Geschichte. Es gibt hier ein starkes kulturelles Erbe, das aktiv weitergetragen wird. Viele Menschen verfügen über Ressourcen, aber deutlich weniger sind bereit, diese mit Offenheit und Vertrauen umsichtig einzusetzen.

Sie sind nur wenige Minuten von St. Moritz entfernt aufgewachsen.
Ich bin im Engadin geboren und hatte das grosse Glück, in einem Künstlerhaus aufzuwachsen, der Casa Segantini in Maloja. Sie liegt nur zehn Minuten von St. Moritz entfernt und fühlt sich dennoch wie eine andere Welt an. Weit genug entfernt, um ganz in die Natur, das Wetter und die Weite einzutauchen.

Maloja ist ein anspruchsvoller Ort. Das Klima ist rau, es ist kälter als anderswo im Tal, und der Ort liegt ganz oben im Engadin. Ich glaube nicht, dass es Zufall war, dass mein Urgrossvater Giovanni Segantini sich entschied, hier sesshaft zu sein. Maloja ist ein Ort, der etwas von einem fordert. Er schärft die Sinne.

Der Ort hat auch etwas zutiefst Philosophisches. Hier entspringt der Inn und fliesst in Richtung drei verschiedener Meere. Die Natur ist in dieser Landschaft kein Hintergrund. Sie ist eine aktive Kraft. Man sieht das in Giovanni Segantinis Werk, aber man erlebt es auch im Alltag.

Ich bin in einem sehr offenen Haushalt aufgewachsen. Meine Mutter ist Norwegerin, mein Vater Italiener. Unterschiedliche Sprachen, Kulturen und Glaubensvorstellungen waren immer präsent. Und trotzdem ist Maloja ein abgeschiedener Ort. Diese Kombination hat mich geprägt. Man lernt früh, dass ein Aufwachsen in Maloja auch bedeutet, den Ort verlassen zu müssen.

Ich besuchte die Schule in Zuoz, wo lokale Kultur und internationale Perspektiven ganz selbstverständlich zusammenkamen. Später verbrachte ich viele Jahre im Ausland. Als ich ins Engadin zurückkehrte, tat ich dies mit einer Haltung, die mich bis heute begleitet: «roots and wings.» Für mich bedeutet das eine tiefe Verwurzlung in der eigenen Identität, Kultur und Landschaft und zugleich die Freiheit, sich zu bewegen. Und irgendwann wieder zurückzukehren.

St. Moritz spielt dabei eine wichtige Rolle. Es bietet Energie und einen internationalen Rhythmus. Mein Zuhause ist jedoch immer Maloja geblieben. Für mich ist diese Kombination aus einem ruhigen Leben in der Natur und der Offenheit von St. Moritz unter anderem das, was das Engadin so einzigartig macht.

Wenn von visionären Künstlern im Engadin die Rede ist, fällt unweigerlich der Name Giovanni Segantini. Was macht sein Werk bis heute relevant?
Er war ein Pionier des Lichts und der Wahrnehmung. Er verstand diese Landschaft auf sehr tiefe Art und Weise. Die Atmosphäre, die Höhe und die Klarheit des Tals spielten eine zentrale Rolle in seiner Arbeit. Das Licht verhält sich hier anders. Es verändert den Blick auf die Welt.

Ein Projekt, das mich bis heute sehr bewegt, ist das grosse Engadin-Panorama, das er für die Weltausstellung in Paris 1900 plante. Er wollte das Engadin nach Paris bringen und als moderne, visionäre Landschaft präsentieren. Er starb ein Jahr vor der Ausstellung, und das Projekt wurde nie realisiert. Doch allein die Idee war aussergewöhnlich. Sie war ein frühes Beispiel dafür, wie sich kulturelle und touristische Visionen verbinden liessen. Das Projekt wurde finanziell von der Gemeinde St. Moritz unterstützt.

Segantini arbeitete nicht isoliert. Er inspirierte eine ganze Generation von Künstlern und Künstlerinnen, darunter auch jemand wie Giovanni Giacometti. Über diese Beziehungen lässt sich eine Kontinuität künstlerischen Denkens im Engadin nachzeichnen, die bis weit in die Gegenwart reicht.

Nach der Pandemie betrachteten viele Menschen Segantinis Werk mit neuen Augen. Gemälde, die früher als nostalgisch abgetan wurden, wirkten plötzlich wieder essenziell. Sie sprechen von Natur, Fragilität, Zugehörigkeit und Zeit. Das sind keine historischen Themen. Sie sind hochaktuell.

«Kultur braucht Orte, die bereit sind, Verantwortung zu übernehmen.»

Warum zieht das Engadin Ihrer Meinung nach auch heute noch der Kunst und dem Intellekt verschriebene Menschen an?
Weil es Intensität und Rückzug zugleich bietet. Man ist der Schönheit der Landschaft ausgesetzt, aber auch der Einsamkeit. Diese Kombination schafft Konzentration. Viele gehen weg, aber viele kehren irgendwann auch wieder zurück. Das Tal hat eine eigene Art, einen zurückzurufen.

Das Engadin ist nicht in der Geschichte erstarrt. Es ist eine lebendige Kulturlandschaft, geprägt von jenen, die vor uns hier waren, und von denen, die heute hier arbeiten. Diese Kontinuität wird spürbar, wenn man Zeit hier verbringt.

Gibt es etwas, das Sie empfehlen würden, wenn man das Engadin jenseits seiner Zentren erleben möchte?
Wenn ich eines empfehlen dürfte, dann, die Zivilisation von Zeit zu Zeit zu verlassen. St. Moritz ist ein wichtiger Treffpunkt, doch vieles vom Charakter des Tals zeigt sich andernorts.

Ich würde ausserdem dazu ermutigen, die kleineren kulturellen Institutionen zu entdecken. Abseits der bekannten Museen gibt es viele weniger bekannte Orte mit Tiefe. Sie erzählen von Alltagsleben, Handwerk und lokaler Geschichte und ermöglichen eine sehr unmittelbare Auseinandersetzung mit der Region.

Das Engadin ist kein einzelner Ort mit einer einzigen Identität. Ober- und Unterengadin unterscheiden sich stark in Atmosphäre, Mentalität und Traditionen.

Über Diana Segantini

Diana Segantini ist eine schweizerisch-norwegische Kulturunternehmerin. Als Ururenkelin des Malers Giovanni Segantini ist sie eng mit dem künstlerischen Erbe des Engadins verbunden. Sie ist Gründerin von Segantini Unlimited und war an vielen Orten auf der Welt tätig. Mit einem akademischen Hintergrund in Internationalen Beziehungen und Arabisch-Islamischer Kultur ist sie unter anderem für Institutionen wie Art Basel, das St. Moritz Art Film Festival tätig und Mitglied des Boards der Engadin Art Talks. Sie lebt mit ihrer Familie in Maloja und Lugano.