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Geschichten rund um die alpine Spielwiese von St. Moritz

Post aus dem Königreich: Wie Curling die Schweiz erreichte

Post aus dem Königreich: Wie Curling die Schweiz erreichte

Von
David Minoretti

Nur zum Übernachten kamen die ersten Briten nicht ins Kulm Hotel. Für das nötige Spiel und die Unterhaltung sorgten sie gleich selbst – und trieben damit manch eine Entwicklung in der Schweiz voran.

Es muss ein besonders schweres Paket gewesen sein, das der Postbote kurz vor Weihnachten 1880 Herrn Badrutt, dem Gründer des Kulm Hotels, überreichte. Es hatte eine lange Reise hinter sich: Ein britischer Gast, den Badrutt aus der vergangenen Wintersaison kannte, war der Absender. Im Paket befanden sich zwei geschliffene Granitsteine mit eisernen Griffen. Von seinen britischen Gästen wusste Badrutt bereits, dass man damit auf spiegelglattem Eis ein Spiel namens Curling spielte.

Herr Badrutt verstand den unausgesprochenen Auftrag: Seine britischen Gäste wünschten sich einen neuen Zeitvertreib und sie zu enttäuschen, wäre nicht förderlich für sein noch junges Beherbergungsgeschäft gewesen. Also liess er im Engadin weitere Steine anfertigen, dem englischen, vermutlich sogar schottischen Vorbild nachempfunden.

Von schottischen Teichen zu gefrorenen Bergseen

Die Ursprünge des Curlings werden im spätmittelalterlichen Schottland vermutet, wo das Spiel bereits im 16. Jahrhundert auf zugefrorenen Seen gespielt wurde. Die früheste bekannte Erwähnung stammt aus dem Jahr 1541, während Gemälde von Pieter Bruegel dem Älteren darauf hindeuten, dass ähnliche Eisspiele auch in Teilen des europäischen Festlands beliebt waren.

 

 

«Nachweislich fand das erste Spiel in St. Moritz auf dem gefrorenen See 1883 statt.»

Nachweislich fand das erste Spiel in St. Moritz auf dem gefrorenen See 1883 statt. Briten gegen Briten, versteht sich. Sie waren es auch, die kurz darauf den Curling Club St. Moritz gründeten; wenig später folgte einer in Davos. 1898 trafen die beiden Clubs erstmals aufeinander und spielten um den Jackson Cup, gestiftet vom St.-Moritzer Gast N. Lane Jackson – eine Trophäe, die bis heute vergeben wird. Über viele Jahrzehnte galt der Jackson Cup als prestigeträchtigstes Curlingturnier der Schweiz, faktisch als inoffizielle Landesmeisterschaft. Der Pokal wanderte zwischen dem Berner Oberland, Graubünden und den Waadtländer Alpen hin und her. Besonders in den 1920er-Jahren war ein Sieg am Jackson Cup mit grossem Renommee verbunden.

«In St. Moritz befinden wir uns wohl an einem der besten Orte der Welt, um diese uralte Sportart weiterzuentwickeln», schwärmte ein britischer Curler in der Alpine Post um die Jahrhundertwende. Den Engadiner Winter pries er als «eine Zeit absoluter Ruhe, wolkenloser blauer Himmel und strahlender, wärmender Sonne».

Eine britische Tradition wird schweizerisch

Was als britische Freizeitbeschäftigung begann, wurde nach der Gründung des Schweizerischen Curling-Verbands 1942 zu einer der beliebtesten Wintertraditionen des Landes. Ob der unbekannte Absender aus Grossbritannien, der 1880 die Steine ins Kulm Hotel schickte, noch erlebte, wie sich Curling in der Schweiz etablierte, bleibt offen. Doch die besondere Bindung der Briten zu ihrem «Winter Hotel» lebt bis heute weiter – nicht zuletzt auf den Curling-Eisfelder des Kulms.

Über den Autor

David Minoretti ist der Brand PR Manager des Kulm Hotels. Der Blick zurück zu den Anfängen fasziniert und inspiriert ihn. Umso schöner findet er es, dass der spielerische Geist der ersten Tage bis heute in St. Moritz lebendig ist.