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Geschichten rund um die alpine Spielwiese von St. Moritz

Offenheit als Praxis

Offenheit als Praxis

Von
Mathis Neuhaus

Der Illustrator und Künstler Stefan Marx weiss, wie man genau hinschaut: seine Beobachtungen des flüchtigen Alltags hält er in zahlreichen Notizbüchern als locker hingetupfte Zeichnungen fest. Auch auf St. Moritz und das Kulm Hotel richtete er seinen Blick während mehrerer Besuche. Und präsentiert das Ergebnis als Ausmalbuch für die jungen Gäste des Hotels. In der Begegnung mit dem Journalisten Mathis Neuhaus spricht er über den künstlerischen Prozess, seine Lieblingsorte im Engadin und mehr. Die Fotografin Diana Pfammatter durfte einen Blick in seine Skizzen werfen.

Mathis Neuhaus: Zu Beginn wollte ich deine Erfahrung von und deinen Blick auf St. Moritz abfragen.
Stefan Marx: Mein Blick auf St. Moritz hat sich erst in den letzten Jahren geschärft. Bevor ich das erste Mal da war, kannte ich die üblichen Urteile, die nicht negativ waren, aber geprägt durch Funk und Fernsehen und Erzählungen meiner Schweizer Freunde und Freundinnen. Ich wusste ein wenig über die künstlerische und geschichtliche Relevanz des Dorfes, seine Bedeutung für den Wintersport. Und dann war ich 2021 das erste Mal dort, im Sommer, und es hat sich als extrem toller Ort herausgestellt. Da ich nicht dieses Winterspektakel erleben durfte, habe ich St. Moritz als ruhigen, landschaftlich wunderbaren, fantastischen Bergort im Engadin kennengelernt. Perfekt zum Zeichnen und zum Schwimmen, der Lej da Staz ist mein Lieblingsort.

Du würdest also zustimmen, dass die Zuschreibung eines Sehnsuchtsorts Gültigkeit besitzt?
Finde ich schon, ja. Ich erinnere mich gern an meine Besuche, an die Spaziergänge, kleinen Wanderungen und Schwimmerlebnisse. Wenn ich meine Zeichnungen, die ich als Souvenir mitgenommen habe, anschaue, weiss ich genau, was das für ein Gefühl auslöst.

Du hast den See angesprochen, gibt es noch andere Orte und Dinge, die eine Form von Erinnerung evozieren?
Seit zwei, drei Besuchen achte ich vermehrt auf das Engadiner Sgraffito, das ich auch phänomenal finde. Darüber habe ich mittlerweile einiges gelesen und mit Leuten darüber gesprochen. Die Wandarbeiten begegnen einem auch in St. Moritz immer wieder.

Zeichnest du sie auch?
Ich habe einige abgezeichnet, möchte das aber gern vertiefen. Constant Könz, der 96-jährige Grossonkel des Betreibers der Galerie Stalla Madulain, übt das Handwerk noch aus. Es wäre interessant, mit ihm gemeinsam ein Projekt zu machen. Auch, weil ich als Zeichner aus Deutschland vorsichtig bin, was kulturelle Aneignung angeht. Ich bin generell schon lange an Handwerkstechniken und Traditionen interessiert, habe ja auch bei KPM in Berlin Porzellan bemalt

«Ohnehin, der Ausblick im Kulm: ein Naturschauspiel zu jeder Tageszeit.»

Und gab es im Kulm einen Ort, zu dem du dich besonders hingezogen gefühlt hast?
Ich finde die Lobby unglaublich schön und habe ihre Muster immer wieder gezeichnet und analysiert. Ich bin immer nach dem Frühstück hingegangen, um dort Zeit zu verbringen, die Atmosphäre zu erleben und zu zeichnen. Auch mein Zimmer war eine so tolle Blase, die ich eigentlich gar nicht verlassen wollte. Und das Spa. Auf der Terrasse liegen, aus dem Pool in die Natur schauen. Einmal stand der Wind so, dass man Flugzeuge aus dem Pool beobachten konnte. Das hat viele meiner Interessen zusammengeführt. Ich mochte auch den Nebel über dem See am Morgen und habe immer direkt alle Fenster in meinem Zimmer aufgemacht, wenn ich wach wurde. Ohnehin, der Ausblick: ein Naturschauspiel zu jeder Tageszeit.

Erlaube mir eine pauschale Frage: Fühlst du dich eher zum Meer oder eher zu den Bergen hingezogen?
Ich bin in Nordhessen in Deutschland gross geworden, im Nordhessischen Bergland, wie es genannt wird. Das sind aber nur Hügel, 350 Meter hoch. Aus der Schweizer Perspektive undenkbar, das als Berg zu bezeichnen. Früher haben wir Urlaube an der See gemacht, und ich habe die Berge erst sehr spät kennenlernen dürfen, durch meine Schweizer Freunde, mit denen ich von Zürich aus Ausflüge gemacht habe. St. Moritz war dann nochmal etwas Besonderes, mit der speziellen Höhe auf der Baumgrenze. Richtig interessant finde ich die Gewässer in den Gebirgen: Ich gehe sehr gern schwimmen, und wenn man dann im Wasser liegt und um sich herum die Berge sieht, das ist magisch.

Das beantwortet meine nächste Frage: Sommer oder Winter?
Ich bin kein Skifahrer, aber bin mir sicher, dass das Engadin auch im Winter absolut traumhaft ist. Aber ich liebe, auch weil ich so gern draussen zeichne, den Sommer. Ich hocke mich gern auf eine Wiese und zeichne zwei Pferde, die dort stehen. Oder den See. Und das mache ich nicht so gern, wenn es kalt ist.

Zeichnest du manchmal Dinge, die du fotografiert hast? Oder muss es live sein?
Der Live-Moment ist sehr wichtig für mich. Manchmal mache ich Fotos, als Notiz. Aber das ist eher selten.

Wie verhält sich deine Arbeit im Feld zu deiner Arbeit im Studio?
Das ist eine ganz andere, das fängt schon bei den Formaten an. Ich habe immer ein kleines Notizbuch dabei, mit dem ich gern arbeite. Und immer auch noch A4-Papier, als Zeichenblock. Und einen Stift. Das habe ich auch am Flughafen dabei, eigentlich immer. Ich mache auch in Berlin gerne Zeichnungen von Menschen, die ich in der Bahn sehe. Im Studio bin ich eher Maler, da ist es ein anderes Medium und eine andere Materialität. Das Zeichnen ist für mich eine tägliche Praxis: Die passiert einfach. Früher habe ich mich oftmals geärgert, wenn ich nichts zum Zeichnen dabeihatte. Es gab eine Zeit, als ich noch Flyer für Partys gestaltete. Um diese zu vervielfältigen, wurden sie kopiert, und ich habe einen Stapel für mich beansprucht und die leeren Rückseiten für meine Zeichnungen genutzt. Das war vor meiner Notizbuch-Praxis. Irgendwann habe ich dann mit dem Hatje Cantz Verlag mein eigenes Notizbuch konzipiert, ganz nach meinen Vorstellungen, das ich bis heute benutze. Ich habe Berge gefüllter Notizbücher. Für Reisen nehme ich immer ein frisches und schreibe vorne rein, wo ich hinfahre. Da steht dann: St. Moritz im Mai 2025. Und wenn ich zurück bin, fange ich wieder ein neues an.

«Ich finde es genial, wenn Leute mit meiner Zeichnung oder mit meiner Schrift noch andere tolle Dinge machen. Ich will mich nicht abschirmen.»

Kannst du irgendeinen Tipp geben, der uns dabei helfen kann, genauer hinzuschauen?
Zeichnen ist Hinschauen. Zeichnen ist Denken und das Beobachten von Details. Heutzutage ist natürlich alles mit Ablenkung versehen, und man muss da-rauf achten, sich immer wieder davon freizumachen. Die Diagnose darüber, was einen ablenkt, muss jeder Mensch für sich selbst stellen. Und dann muss man daran arbeiten. Ich zeichne schon mein ganzes Leben. Ich wollte auch immer zeichnen in Zwischensituationen, in denen vielen Leuten vielleicht langweilig wird, wenn sie auf irgendwas warten oder in einer Schlange stehen. Meine Lebensgefährtin sagt immer: «Stefan, dir ist eigentlich nie langweilig.»

Deine Arbeiten haben einen hohen Wiedererkennungswert. Hast du lange gebraucht, um deinen Stil zu entdecken?
Die Zeichnungen verändern sich, die Themen verändern sich, auch wenn man natürlich einen eigenen Strich hat. Wenn man genau hinschaut, sehen die Schriftbilder von 2005 anders aus als die von 2025. Aber natürlich, es ist irgendwie ein Stil. Aber ich arbeite gar nicht so hart daran, den zu erhalten. Sondern ich arbeite auch oftmals daran, ihn weiterzuführen oder zu verändern. Oder einfach das zu machen, was mich gerade interessiert. Ich würde sagen, es hat bis heute gedauert, meinen Stil zu finden. Und es geht morgen weiter.

Du hast deine Handschrift kürzlich als Font zur Verfügung gestellt, den man kaufen und benutzen kann. Ich kann mir vorstellen, dass das ein sehr interessanter Prozess gewesen ist, wenn man versucht, etwas zu konservieren, was so stark in einem selber drinsteckt.
Ja, und das auch zu öffnen, damit es auch andere Leute benutzen können. Vielleicht auch für Zwecke, die ich selber gar nicht so gut finde.

Da steckt eine Grosszügigkeit im Umgang mit der eigenen künstlerischen Identität drin. Auch wenn man an dein Ausmalbuch denkt, das für das Kulm geplant ist. Die Hoffnung ist ja, dass Kinder – und Erwachsene – sich das aneignen.
Ich finde toll, dass du den Begriff Grosszügigkeit nennst, weil das empfinde ich auch so. Viele haben mir davon abgeraten, meine Handschrift allen zur Verfügung zu stellen. Aber das ist ja auch nur ein Stand meiner Handschrift, die wird in zehn Jahren auch nochmal anders aussehen. Ich finde es genial, wenn Leute mit meiner Zeichnung oder mit meiner Schrift noch andere tolle Dinge machen. Ich will mich nicht abschirmen.

Das ist auch eine Parallele zu St. Moritz: Der Ort lässt sich immer wieder prägen durch Einflüsse von aussen, das ist sozusagen in seiner DNA angelegt. Es ist dieser vermeintlich exklusive Wintersportort, aber immer wieder kommen neue Leute dazu.
Genau, es war schon immer so, dass Künstlerinnen und Künstler oder Kreative diesen Ort mitgeprägt haben. Es ist ein offenes System.

Fotografie: Diana Pfammatter

Das Interview erschien zuerst im Buch «Begegnungen/Encounters», publiziert vom Kulm Hotel St. Moritz.

Das Ausmalbuch “St. Moritz – A coloring book by Stefan Marx” von Rollo Press & Kulm Hotel erscheint am 13. April 2026 und ist im Buchhandel erhältlich. ISBN 978-3-906213-58-3

Die Menschen der Begegnung

Stefan Marx ist Künstler, Skateboarder und Kulturphilosoph. Seine charakteristische Handschrift zeigt sich auf Papier, Leinwand, Porzellan und Textilien. Er gestaltet Werke für Labels, veröffentlicht Zines im Selbstverlag und präsentiert seine Kunst bei internationalen Ausstellungen, Kunstbuchmessen und Galerien. Zu seinen Kollaborationen zählen Lufthansa und KPM Berlin. 2019 erschien seine tägliche Kolumne in der New York Times.

Mathis Neuhaus ist als Autor, Redakteur und Kurator in unterschiedlichen kulturellen Kontexten tätig. Seine Praxis umfasst Kollaborationen mit Institutionen wie dem Schauspielhaus Zürich und CCA Berlin, internationalen Musikfestivals und Modemarken, wo er als Copywriter, Programmgestalter und Stratege wirkt. Als Journalist veröffentlicht er kulturanalytische Texte und als Redakteur verantwortet er unter anderem das Magazin zweikommasieben, das zeitgenössische Musik dokumentiert.