Eine Piazza aus Licht
Von
Mathis Neuhaus
Die italienische Künstlerin Marinella Senatore schafft partizipative Arbeiten, die Gemeinschaft, Tanz und popkulturelle Referenzen verbinden. Auf Einladung der Kulturstiftung St. Moritz entsteht eine neue Arbeit, die im August enthüllt wird. Im Gespräch erzählt Senatore von ihrer Praxis und ihren Plänen fürs Engadin.
Mathis Neuhaus: Erinnerst du dich noch an deine erste Begegnung mit St. Moritz und was sie ausgelöst hat?
Marinella Senatore: Was mich beeindruckte, war das Verhältnis zwischen Landschaft und Licht. Es gibt etwas Filmisches und zugleich Intimes in der Art, wie Natur, Architektur, Wetter und menschliche Präsenz im Engadin zusammenwirken. Ich arbeite oft mit kollektiven Narrativen, öffentlichen Ritualen und gemeinsamen Erfahrungen. Das Engadin erschien mir als ein Ort, der von Geschichten, Erinnerungen und unsichtbaren Spuren durchzogen ist. Mich faszinierte, wie das Tal ein Gemeinschaftsgefühl bewahrt und gleichzeitig offen bleibt für internationale Begegnungen und kulturelle Überlagerungen. Für mich sind Orte nicht nur geografische Räume, sondern emotionale und soziale Landschaften, geformt von den Menschen, die sie bewohnen und durchqueren.
War dir sofort klar, was du hier umsetzen wolltest? Oder anders gefragt: Wie hat diese erste Begegnung mit der Region sich in etwas Greifbares verwandelt, in eine Idee für eine Arbeit
Marinella Senatore: Ich verstand früh, dass die Idee einer «Barockmaschine» die richtige Referenz für ein Projekt in St. Moritz sein könnte. Barocke Strukturen gehören seit jeher zu meinem visuellen Vokabular. Historisch gesehen waren ephemere barocke Architekturen, festliche Lichtinstallation und Festivals Mittel, um Menschen zusammenzubringen. Als Momente des kollektiven Staunens und der temporären Gemeinschaft. Im Engadin gewann diese Intuition an Bedeutung, weil die Geschichte des Lichts in St. Moritz eine wichtige Rolle spielt. Das Kulm Hotel gehörte zu den ersten Häusern der Schweiz, die im späten neunzehnten Jahrhundert elektrisches Licht hatten. Ich stelle mir eine temporäre Piazza aus Licht vor: einen symbolischen, emotionalen Raum, in dem sich verschiedene Gemeinschaften wiedererkennen können. Nicht nur Besucherinnen und Besucher, Tourismus oder Privileg. Auch Arbeitende, lokale Vereine, mehrsprachige Realitäten und all die unsichtbaren Energien, die das Alltagsleben im Tal ausmachen. Die Arbeit soll ein Denkmal für die Menschen werden.
Und wie hat diese erste Idee dazu geführt, die lokalen Gemeinschaften kennenzulernen? Ich weiss, dass in St. Moritz Workshops stattgefunden haben. Kannst du davon erzählen
Marinella Senatore: Die Workshops in St. Moritz waren ein wesentlicher Teil des Prozesses, denn für mich beginnt jedes Projekt mit dem Zuhören. Ich komme nie mit einer fertigen Idee an, die die Menschen einfach umsetzen müssen. Die lokalen Gemeinschaften kennenzulernen bedeutete, Zeit miteinander zu verbringen und darüber zu sprechen, was St. Moritz heute ausmacht. Als ikonisches Reiseziel, aber auch als lebendige soziale Landschaft, geprägt von unterschiedlichen Realitäten. Die Workshops wurden zu einem Austausch zwischen Generationen, Hintergründen, Berufen und persönlichen Biografien.
Was mich am meisten interessiert, ist immer die menschliche Energie, die durch Teilhabe entsteht. In den Workshops begannen Menschen, die sich noch nie begegnet waren, zusammenzuarbeiten und nach und nach Vertrauen aufzubauen. Ich war bewegt von der Bereitschaft der Menschen, sich emotional und kollektiv einzulassen, trotz sehr unterschiedlicher Hintergründe. Diese Begegnungen hinterlassen auf beiden Seiten Spuren. Die Teilnehmenden tragen dazu bei, die Arbeit zu formen; gleichzeitig wird die Arbeit zu einer Möglichkeit, Beziehungen, Sichtbarkeit und Zugehörigkeit innerhalb einer Gemeinschaft neu zu denken.
«Die Arbeit in St. Moritz soll ein Denkmal für die Menschen werden.»
Im Laufe der Jahre hast du mit Tausenden, wenn nicht Millionen von Menschen gearbeitet. Das wirft die Frage auf: Fällt dir immer leicht, eine Verbindung aufzubauen?
Menschen verstehen sofort, wenn eine Situation artifiziell oder unecht ist. Ich will echte Situationen des Zuhörens und des Vertrauens schaffen. Nach so vielen Jahren kollektiver Arbeit weiss ich, dass jede Gemeinschaft ihren eigenen Rhythmus und ihre eigene emotionale Temperatur hat. Man kann nicht davon ausgehen, dass sich alle sofort öffnen. Manchmal sind Menschen schüchtern, skeptisch, müde, wütend, emotional nicht verfügbar. Oder schlicht nicht daran gewöhnt, in künstlerische Prozesse eingeladen zu werden.
Was ich zuerst versuche, ist, Urteile aus dem Raum zu nehmen. Virtuosität oder Perfektion interessieren mich nicht. Sobald die Menschen verstehen, dass es keinen «richtigen Weg» der Teilhabe gibt, beginnt sich etwas zu verschieben. Kollektive Arbeit kann emotional intensiv und erschöpfend sein. Ich romantisiere das nicht. Aber für mich ist diese Komplexität das, was sie bedeutsam und politisch lebendig macht. Meine Haltung zur Partizipation ist radikal. Teilhabe kann nicht bedeuten, nur Menschen einzubeziehen, die mir bereits ähnlich sind, die dieselben Überzeugungen, Visionen oder kulturellen Codes teilen. Das würde dem Vorhaben widersprechen. Was mich weiterhin fasziniert, ist die Unvorhersehbarkeit. Jedes Mal, wenn ich ein Projekt beginne, weiss ich, dass die beteiligten Menschen die Arbeit auf Weisen verändern werden, die ich nie ganz antizipieren kann. Und dann ist da noch der Körper. Sehr oft beginnen wir nicht mit zu vielen Worten, sondern mit Atem, Rhythmus, Gehen, Stimme, Bewegung oder einfachen kollektiven somatischen Übungen. Der Körper kann Vertrauen manchmal schneller aufbauen als Sprache.
In diesem Sommer wird in St. Moritz eine Lichtskulptur von dir enthüllt: eine Piazza für das Dorf, wie du sagst. Entstanden auf Basis der Begegnungen mit den Gemeinschaften des Ortes. Werden die Gemeinschaften noch eine weitere Rolle in dem spielen, was du geplant hast? Und: Können Menschen, die das hier lesen, sich einbringen?
Wenn Menschen die Sätze lesen, die von anderen Menschen verfasst wurden, entsteht eine Art Spiegelung. Wir erkennen uns in anderen wieder, auch in der Schlichtheit einer fremden Geste oder Entscheidung. Es ist grundlegend für partizipative Kunst, solche emotionalen und neurologischen Mechanismen der Wiedererkennung zu schaffen. Das ist bereits eine erste Aktivierungsebene, die partizipative Kunst innerhalb einer Gemeinschaft erzeugen kann. Ein weiterer Aspekt, der mir wichtig ist: Diese Räume werden von Natur aus zu Orten, an denen Dinge geschehen. Symbolisch, aber auch sehr konkret. Mit Luminarias zu arbeiten bedeutet, mit einer temporären, ephemeren Architektur zu arbeiten, die die umgebende Natur- oder Architekturlandschaft nicht überschreibt, sondern sich in sie einfügt. Historisch wurden Luminarias als Orte der Versammlung geschaffen: besondere Räume für besondere Anlässe, in denen kollektive Erfahrungen entstehen konnten. Im Laufe der Jahre habe ich erlebt, wie das in jeder Gemeinschaft geschieht, in der meine Arbeiten installiert waren. Ob draussen, drinnen oder im Kontext grosser Biennalen. Die Arbeiten werden zu Treff- und Orientierungspunkten. Spontane Aktivierungen entstehen, sie werden zur temporären Bühne und unerwartete Formen kollektiven Lebens bilden sich um sie herum. Die theatrale Qualität, die der süditalienischen Barocktradition der Luminarias innewohnt, kann auch heute noch eine gemeinsame Energie erzeugen.
Zum Schluss möchte ich dich als jemanden, der viel reist, um einen Rat bitten: Was empfiehlst du für das Bewegen durch die Welt? Von einem Ort zum nächsten?
Seit fast zwanzig Jahren ist mein Leben nomadisch, aber ich habe mich immer im Fluss der Gemeinschaften bewegt, mit denen ich lebte und arbeitete. Den Geist einer Touristin habe ich nicht wirklich. Wenn ich irgendwo ankomme, interessiert mich das Abhaken von Sehenswürdigkeiten oder das Folgen eines Reiseplans nicht. Was mich interessiert, sind Menschen: wie sie sich bewegen, sprechen, durch einen Ort gehen, wie sie eine Landschaft bewohnen. Ich glaube, es gibt eine enorme Freiheit darin, selbst zu entscheiden, wie man die Welt bereisen und erleben möchte. Und diese Freiheit schätze ich sehr.
Fotografie:
Portrait – ©Mazen Jannoun
Marinella Senatore, Dior Cruise 2021. Piazza Duomo, Lecce. Credits A. Garofalo. Courtesy The Artist and Dior
Über Marinella Senatore
Marinella Senatore ist eine italienische multi-disziplinäre Künstlerin und Aktivistin, deren Praxis in kollektiver Teilhabe und sozialem Engagement verwurzelt ist. Mit grossangelegten Lichtskulpturen und ihrer kostenlosen, nomadischen School of Narrative Dance schafft sie Werke, die immer in der Gemeinschaft beginnen. 2026 wurde sie als erste Künstlerin mit dem Titel Artist of the Year der Galleria Nazionale d’Arte Moderna e Contemporanea in Rom ausgezeichnet. Ihre Arbeiten wurden in bedeutenden Institutionen und auf internationalen Biennalen weltweit gezeigt. Auf Einladung der Kulturstiftung St. Moritz schafft sie die Lichtinstallation I Contain Multitudes, die im August 2026 auf dem Schulhausplatz und im Forum Paracelsus enthüllt wird.