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Geschichten rund um den «Alpine Playground» von St. Moritz

Ein Jahrhundert der Geschwindigkeit und Schönheit

Ein Jahrhundert der Geschwindigkeit und Schönheit

Von
Cécile Christmann

Die Architektin und Autorin Cécile Christmann schaut mit dem genauen Blick einer Kuratorin auf alles, was sie beobachtet. Im Auftrag des Kulm Hotels schreibt sie über die Autokultur von St. Moritz und zeichnet darin ein Jahrhundert voller Geschwindigkeit, Schönheit und Begehren nach: durch die Strassen des Tals, seine Grand Hotels und die bemerkenswerten Persönlichkeiten, die hier Spuren hinterlassen haben.

Wer alte Fotografien durchsieht oder historische Ansichtskarten betrachtet, fragt sich unweigerlich, wie aus dem einstmals kleinen Dorf St. Moritz das internationale Kulturzentrum und wirtschaftliche Gravitationsfeld werden konnte, das es heute ist. Die Stadt hat auf ihren soliden Grundlagen aufgebaut und präsentiert sich dieser Tage als eine eklektische, lebendige Mischung aus Moden, Kulturen, Ideen und auch Exzentrizitäten, eingebettet in eine imposante Landschaft. Wie wurde ein Dorf, das vor 125 Jahren gerade einmal 1600 Bewohner und Bewohnerinnen zählte, zum Rückzugsort der damaligen Gesellschaft und dem Jetset von heute und, ganz nebenbei, Wiege des Wintersports werden? Im Laufe der Jahre konvergierten immer neue Zugänge und Akteure auf die berühmteste Stadt des Engadins, geprägt von einer lang anhaltenden Kultur des Könnens und unvergesslichen Momenten. Eine wichtige dieser Prägungen, vielleicht überraschend: das Automobil.

St. Moritz war schon immer ein Ort des Neuen. Grand Hotels und Fortschritt waren zur Zeit ihrer Entstehung nahezu untrennbar miteinander verbunden. Diese Häuser, ungewöhnlich gross und verführerisch in ihrer Ausstattung, waren Orte, an denen sich die neuesten Trends und technischen Errungenschaften verdichteten. Sie hatten fliessendes Warmwasser, als Wohnhäuser noch keines kannten, und verkörperten Luxus bereits in einer Zeit, als dieser Begriff noch kaum definiert war. Als Johannes Badrutt 1856 das damalige Engadiner Kulm erwarb, kreierte er ein Mass an Modernität, das seinesgleichen suchte. Er erstand etwa das weltweit erste elektrische Beleuchtungssystem an der Exposition Universelle 1878 in Paris, um zu beweisen, dass einer der schönsten und höchstgelegenen Orte der Schweizer Alpen auch der fortschrittlichste sein konnte.

Bis 1925 waren Autos im Engadin vollständig verboten. Graubünden war der letzte Schweizer Kanton, der ein seit 1900 geltendes Fahrverbot aufhob, das eine Mischung aus Angst und Misstrauen gegenüber lauten, fremdartig wirkenden Maschinen widerspiegelte. Andernorts nahmen die ersten Automobile und Rennwagen rasant Gestalt an und ihre Position auf den Strassen ein, jedes neue Chassis darauf ausgerichtet, das vorherige in Geschwindigkeit, Gewicht, Aerodynamik und Schönheit zu übertreffen. Bereits 1909 prophezeite Filippo Tommaso Marinetti in seinem Manifest des Futurismus: «Wir erklären, dass die Herrlichkeit der Welt um eine neue Schönheit bereichert wurde: die Schönheit der Geschwindigkeit.» Je verbotener ein Objekt, desto mehr wird es zum Symbol des Begehrens. Eine Leidenschaft, die durch die einzigartigen Aussichten, die das hochalpine Schweizer Tal für Fahrer und Zuschauer zu bieten hatte, noch verstärkt wurde.

«Je verbotener ein Objekt, desto mehr wird es zum Symbol des Begehrens.»

Kurz nach der Wiedereinführung des Automobils auf den Strassen des Kantons fanden in St. Moritz die ersten Rennveranstaltungen statt: zwei aufeinanderfolgende Automobilwochen 1929 und 1930, mit einem Concours d’Elegance, einem Bergrennen und einem Kilomètre lancé, einem Beschleunigungsrennen auf einer neuen Strecke, die Shell von Punt Muragl nach Samedan gebaut hatte und die den Namen des Ölkonzerns bis heute trägt. 1930 führte auch die Rallye des Alpes durch das Tal, mit Piloten wie Louis Chiron in einem Bugatti oder Hans Stuck in einem Austro-Daimler an der Spitze. Nach und nach wurden die Strassenverhältnisse verbessert, von Schotter- und Steinpisten zu breiteren, asphaltierten Fahrbahnen, was die Landschaft des Tals grundlegend veränderte. Ingenieure legten die geschwungenen Kurven des Julierpasses und seine weiten Ausblicke über die Seen von Silvaplana und Marmorea an, die ihn 1940 zur ersten asphaltierten Alpenstrasse der Schweiz machten.

Es liegt etwas zutiefst Poetisches darin, eine Maschine auf Rädern dabei zu betrachten, ihr glänzendes Chrom und ihr warmes, patiniertes Leder, wie sie die verschlungenen Strassen des Engadins entlangfährt. Ob auf einem Gipfel oder auf einem zugefrorenen See, der Zauber wirkt. Der makellose weisse Hintergrund dieser jahrtausendealten Berge scheint all die ästhetischen Qualitäten zu verstärken, die in den Automobilwerkstätten über Jahrzehnte perfektioniert wurden, und macht das Fahrzeug abwechselnd zur technischen Maschine und zum schönen, ästhetischen, gar poetischen Objekt.

Wer alte Gästebücher der Grand Hotels oder frühe Fotoalben aufschlägt, entdeckt eine faszinierende Besucherschar, die auf bereits luxuriösem Wege in die Berge gekommen ist. Ein junger Luchino Visconti pflegte mit seinen italienischen Autos den Malojapass hinauf- und hinunterzufahren bis zu seinem Ziel im Engadin. Jean-Michel Frank, ein gefeierter Pariser Innenarchitekt, reiste im Citroën ans selbe Ziel, auch wenn es damals gebräuchlicher war, die prächtigen Karosserien von Bentleys oder Rolls-Royces zu sehen, genutzt von Europas Aristokratie oder Filmstars wie Vivien Leigh oder Alfred Hitchcock. Es war nicht ungewöhnlich, in den Hotellobys auf den französischen Dichter Jean Cocteau, die legendäre Couturière Gabrielle Chanel oder den Tänzer Vaslav Nijinski zu treffen. Es lässt einen staunen, dass Richard Strauss, Thomas Mann oder Albert Einstein dieselben kurvenreichen Strassen entlanggefahren sind, die wir heute noch nehmen.

«Grand Hotels und Fortschritt waren zur Zeit ihrer Entstehung nahezu untrennbar miteinander verbunden.»

In den Nachkriegsjahrzehnten wurden Persönlichkeiten wie Herbert von Karajan, Gianni Agnelli oder Gunther Sachs zu globalen Botschaftern von St. Moritz als begehrtes Reiseziel. Sie verkörperten eine reine, ursprüngliche Form des Luxus, wohin sie auch gingen. Mit der Gründung des Dracula Clubs an der Via Maistra hat Gunther Sachs wohl mehr für St. Moritz getan als jede andere Prominenz: Er trug das markante Dracula-Logo auf seinen T-Shirts und Motorrädern und exportierte den Geist des Dorfes sehr erfolgreich an die italienische und französische Riviera.

Gianni Agnelli war dafür bekannt, in St. Moritz täglich seinen einzigartigen Fiat 130 Familiare von 1974 zu fahren, einen Holz- und Korbwagen, der durch seine Lässigkeit und Schlichtheit überraschte. Später fuhr er seinen eigenen Fiat Panda 4×4 Trekking, silbern mit blauen Akzenten, eine Farbkombination, die vielleicht auf den makellosen Schnee und den elektrisch blauen Himmel des Tals anspielte. Durch das Auto, das sie fuhren, und die Art, wie sie lebten, verkörperten die Agnellis wohl am treffendsten, was es bedeutete, die Zeit im Tal in wahrem Sprezzatura-Stil zu verbringen.

Karajan hingegen war ebenso bestimmt in seinem Stil. Österreicher von Geburt, von Natur aus eher zurückhaltend und still, zeigen Familienfotos den gesamten Clan stets tadellos gekleidet, die glücklichen Gesichter von der Wintersonne gebräunt. Seine Autos spiegelten einen gleichermassen diskreten wie ausschweifenden Lebensstil wider, und es war wohl hier, abseits der Bühne, wo er seiner Persönlichkeit am freiesten Ausdruck verleihen konnte. Er soll Enzo Ferrari geschrieben haben, ein Ferrari V12 sei eine vollkommene Oper. Diese Männer des Genusses und des Geschmacks verfolgten das Beste im Leben, ihre Automobile eingeschlossen, und schätzten deren Verbindung mit Momenten der Villeggiatura und der Zeit im Kreise ihrer Familien. Im Engadin konnten sie weitgehend abseits der öffentlichen Aufmerksamkeit leben. Ihre Autos mussten hier praktisch und stilvoll zugleich sein, gemacht zum Leben in der Landschaft und nicht zum Auffallen oder zum Rekordbrechen.

«Herbert von Karajan soll Enzo Ferrari geschrieben haben, ein Ferrari V12 sei eine vollkommene Oper.»

Seit 2019 ist der See Schauplatz eines weiteren automobilen Ereignisses: des I.C.E., des International Concours of Elegance, einer zweitägigen Veranstaltung, die bewiesen hat, dass einigen leidenschaftlichen Köpfen keine Grenzen gesetzt sind, wenn es darum geht, bedeutende Fahrzeuge der Automobilgeschichte über einen zugefrorenen See zu schicken. Im Frühsommer versammeln sich Autoliebhaber in den Suvretta-Hügeln zum B.C.C.M., dem British Classic Car Meeting, abgeschiedener und privater. Und die Passione Engadina vereint das Beste italienischer Handwerkskunst mit einer atemberaubenden Landschaftserfahrung. Der italienische Geist spiegelt sich auch in der anhaltenden Präsenz des Fiat Panda wider: Immer mehr junge Sammler erreichen die Pisten in ihren bereits mehrfach weitergegebenen Pandas und setzen damit die vertrauten Gewohnheiten von Gianni Agnelli auf ihre Art fort.

An jedem beliebigen Wochentag in der Sommer- und Wintersaison lässt sich auf den ruhigen Strassen am See ein Einzelstück oder Millionenfahrzeug beobachten, ohne das Aufsehen, das es mitten in einer Grossstadt erregen würde. Aber vielleicht noch wichtiger: Man kann den lokalen Cresta-Run-Fahrer die Via Maistra hinauffahren sehen, im Fiat Panda 4×4 mit Korbdach, oder einen ramponierten, aber charmanten Range Rover Series 1, der stolz das leuchtende rote und gelbe Abzeichen des S.M.T.C. trägt. Manche Autos sind so sehr in die Landschaft und Kultur dieses Ortes eingeschrieben, dass sie genauso sehenswert sind wie die neuesten Raritäten. Im Engadin gibt es Schönes im Überfluss: die Berge, die Seen, ihre Fauna und Flora. Und es wird bis heute täglich gefeiert.

Auch wenn andere Wintersportorte in den Alpen versucht haben, eine ähnliche Autokultur zu kultivieren, so ist sie doch spezifisch für St. Moritz und das Engadin. Es könnte diese irgendwie perfektionierte Mischung aus Schweizer und italienischen Einflüssen sein, diese poetischen Gipfel, die zum Aufbruch locken, gleichzeitig leicht zugängliche Alpenpässe und atemberaubende Panoramen bieten, sowie die vielschichtige Hassliebe, die das Tal seit nunmehr über hundert Jahren mit diesen Maschinen verbindet.

Wir blicken zurück auf Zeiten, in denen es mehr Möglichkeiten gegeben zu haben scheint, Freiheit und Leben zu erfahren, ob auf Skiern oder am Steuer eines einfachen Autos auf Bergstrassen. Auch, wenn diese Art Geschichte zu begreifen bedeutet, einer süssen Nostalgie zu erliegen. Man kann nun nur noch staunen über die Abfolge fantastischer Namen, die an vergangene Zeiten erinnern. Es gibt eine schwer fassbare Alchemie an der Via Maistra, wo sich alle Dinge des guten Geschmacks zu versammeln scheinen, dem Lauf der Zeit folgend und sich der Welt anpassend, während sie ihrem Ursprung treu bleiben. Ein Ort, der seinen glücklichen Gästen und Bewohnern stets klare Luft, Sonnenlicht, Freude geschenkt hat. Und scheinbar unendliche Perspektiven.

Fotografie: Gustav Sommer ©Kulturarchiv Oberengadin, ©Fotostiftung Graubünden, ©Dokumentationsbiblothek St. Moritz

Über die Autorin

Cécile Christmann ist tätig als multidisziplinär arbeitende Architektin, Innenarchitektin, Autorin und Kuratorin. Ausgebildet an Central Saint Martins und der École de Versailles arbeitete sie unter anderem mit Matthew Donaldson, Bella Freud, Carbondale und Bureau Betak. In Zusammenarbeit mit Assouline kuratierte sie Interieurs privater und kommerzieller Bibliotheken. Mit ihrem eigenen Studio verbindet sie heute die Bereiche Publishing und Hospitality.