Die Frauen des Cresta Run
Von
Stephen Bartley
Seit dem späten 19. Jahrhundert prägen Frauen die Geschichte des Cresta Run: von frühen Wettkämpfen über Jahrzehnte des Ausschlusses bis zu einer Rückkehr aufs Eis in jüngerer Zeit. Stephen Bartley zeichnet diesen Verlauf anhand von Fahrerinnen und institutionellen Veränderungen nach. Das Ergebnis ist eine Geschichte von Beharrlichkeit und dem Bestreben, auf Kurs zu bleiben.
Seit 1886 fahren Frauen auf dem Cresta Run in St. Moritz, bis der St. Moritz Tobogganing Club (SMTC) 1929 ein Verbot ihrer Teilnahme entschied. In diesem Jahr war Vivien Wrangham die letzte Frau, die den Cresta offiziell befuhr, nachdem sie bei Stürzen in der Shuttlecock-Kurve und, schwerer, bei Bulpett’s verletzt worden war. Diese Vorfälle markierten das Ende der regelmässigen Teilnahme von Frauen auf der Bahn. Das Verbot wurde 1933 an einer ausserordentlichen Generalversammlung der Clubmitglieder bestätigt.
Zu den frühesten Cresta-Fahrerinnen zählt Ava Willing, die als eine der ersten Frauen auf der Bahn gilt. Sie begann ihre Tobogganing-Laufbahn in Davos, bevor sie nach St. Moritz kam. Später machte sie ihren Ehemann J. J. Astor, bekannt als Passagier der Titanic, mit dem Ort vertraut, der zu einem wichtigen Unterstützer des Bobsleigh Clubs wurde.
Ausserdem zu erwähnen ist die Familie Robertson, die eine bedeutende Rolle in der frühen Geschichte der Frauen auf dem Cresta Run spielte. Beim ersten Damenrennen im Jahr 1886 vertrat Annie Robertson St. Moritz in einem Mannschaftsrennen gegen Davos, das dem Men’s Grand National nachempfunden war. In diesem Jahr konnten die Frauen etwas Stolz für die «St. Moritzers» zurückgewinnen, die im Herrenrennen bereits zum zweiten Mal deutlich von den «Davosers» geschlagen worden waren.
«Seit dem späten 19. Jahrhundert prägen Frauen die Geschichte des Cresta Run.»
Unter den frühen Championnen nimmt Mrs MacLaren eine besondere Stellung ein. Sie wählte eine «Side-Saddle»-Position anstelle der üblichen Sitzhaltung und gewann zwischen 1897 und 1899 drei Ladies Grand Nationals in Folge. Ursula Wheble hingegen wurde zur herausragenden Vertreterin der sitzenden Fahrweise.
Lorna Robertson war die erste Frau, die den Cresta kopfüber befuhr, sowohl ab Junction als auch später vom Men’s Start bei Top. In den drei Saisons, die sie im Engadin verbrachte, galt sie als nahezu unbesiegbar. Ursula Wheble übernahm später dieselbe liegende Position und stellte 1911 den Damenrekord von Top auf, der bis 2023 Bestand hatte. Bis zu diesem Zeitpunkt starteten die Frauen knapp oberhalb des Church Leap, dort, wo sich heute die Strassenbrücke befindet.
Nach dem Ersten Weltkrieg nahm die Zahl der Frauen auf dem Cresta Run deutlich ab, vermutlich auch aufgrund der wachsenden Popularität des Skisports. Eine Ausnahme bildete Mrs Baguley, die gemeinsam mit ihrem Ehemann John Minto Baguley 1921 ihre Colours, die offizielle sportliche Auszeichnung des St. Moritz Tobogganing Club, gewann. Sie waren das erste Ehepaar, dem dies seit Mr und Mrs J. Arden Bott im Jahr 1902 gelang. 1922 wurde Myra Fullerton als letzte Frau mit Colours ausgezeichnet. Mrs Baguley hatte im Jahr zuvor den Junction-Rekord aufgestellt, eine Zeit, die erst in der Moderne unterboten wurde, zunächst von Michaela Pitsch und später von Barbara Hosch, die beide noch heute auf dem Cresta Run fahren.
Erst 1987 durften Frauen wieder auf den Cresta Run zurückkehren, allerdings unter stark eingeschränkten Bedingungen. Die Teilnahme beschränkte sich auf einen einzigen Tag am Ende jeder Saison. In den langen Jahren dazwischen gab es vereinzelt Berichte über inoffizielle Fahrten von Frauen unter männlichen Pseudonymen, jedoch immer ausserhalb der formalen Strukturen des Clubs.
«Bis 1911 starteten die Frauen knapp oberhalb des Church Leap, dort, wo sich heute die Strassenbrücke befindet.»
2004 wurde das jährliche Rennen der Frauen zu einem offiziellen Programm über zwei Läufe, mit Handicaps und Zeitprognosen. Ab 2018 durften Frauen wieder häufiger während der Saison fahren. Ein Jahr später wurde der Lorna Robertson Challenge Cup ins Leben gerufen. Das Rennen wurde 2019 erstmals ab Junction ausgetragen und war das erste offene Damenrennen seit dem Ladies Grand National von 1921.
In der Saison 2023/24 führte das SMTC-Komitee den Lorna Robertson Challenge Cup als zweitägiges offenes Rennen in Verbindung mit dem Curzon Cup weiter. Erste Siegerin war Barbara Hosch, die mit den begehrten SMTC Colours ausgezeichnet wurde und so in die Fussstapfen von Lorna Robertson trat, die diese Ehre 1900 als erste Frau erhalten hatte.
Am 17. Februar 2024 wurde das Ladies Grand National von Top erstmals seit 1921 wieder ausgetragen. Siegerin war Carina Evans, die nach ihrem Erfolg über drei Läufe aus einem Feld von sieben Fahrerinnen ebenfalls mit den SMTC Colours ausgezeichnet wurde. In der darauffolgenden Saison stieg die Zahl der Teilnehmerinnen auf neun. Die dritte Austragung des Ladies Grand National in der modernen Ära fand am Samstag, 14. Februar 2026, unmittelbar nach dem Rennen der Männer statt. Die Gewinnerin: Carina Evans.
Fotografie: Melissa Michel, SMTC Archive London
Biografie
Stephen Bartley ist Ehrenarchivar des St. Moritz Tobogganing Club. Er bewahrt und kuratiert die Geschichte des Cresta Run und seiner Gemeinschaft und betreut Fotografien, Dokumente und Erzählungen, die sich über mehr als ein Jahrhundert erstrecken. Für die Publikation «Encounters/Begegnungen» verfasste er zudem eine Würdigung von Billy Fiske, einem der bedeutendsten Cresta-Fahrer seiner Zeit.